Warum das erste Mal auf Lombok für mich wie eine Zeitreise in meine Kindheit war ...

Aktualisiert: Sept 17



von Stephie


Die Insel Lombok haben wir zum ersten Mal 2017 betreten und zwar im Dunkeln. Das Schnellboot von Padang Bai auf Bali fuhr wider Erwarten nicht, sodass wir statt in zweieinhalb Stunden auf Gili Air zu sein, auf die langsame Fähre umsattelten und dann geschlagene fünf Stunden später zunächst auf Lombok ankamen. Wir einigten uns am Hafen von Lembar mit einem jungen Fahrer, der uns versprach, auch noch eine Überfahrt nach Gili Air zu arrangieren. Und dann ging es in Serpentinen durch die Berge, bis wir schließlich in der Hauptstadt Mataram an vielen beleuchteten Moscheen vorbei fuhren. Und da setzte meine Erinnerung an meine Kindheit ein, denn der Anblick der Moscheen erinnerte mich an Marokko und Tunesien.


Mit meinen Eltern als Kind in Nordafrika


Mit unserem VW Käfer in El Jem, Tunesien, 2.300 Kilometer von Hamburg entfernt

Gedanklich war ich auf einmal in den 70er Jahren, als ich mit meinen Eltern in einem VW-Käfer von Hamburg aus über 2.000 Kilometer nach Nordafrika fuhr. Mein Vater, der als Junge erst seine Heimat in Ostpreußen verlor, mit 14 Jahren seine Mutter, und dann als 16 jähriger für vier Jahre in Nord- und Südamerika auf große Seefahrt ging, hatte schon sehr früh in mir die Lust auf Abenteuer und fremde Kulturen geweckt. 1976 (ich war damals fünf Jahre alt) bereisten wir Tunesien und ein Jahr später Marokko. Es waren keine organisierten Reisen, wir ließen uns einfach treiben. Mehrere Sommer hintereinander waren wir jeweils für sechs Wochen unterwegs. Mein Vater hatte seinen gesamten Jahresurlaub genommen und meine Mutter war nach ihrer Berufstätigkeit seit meiner Geburt Hausfrau. Meine Erinnerung stammt natürlich hauptsächlich von Dias, Fotoalben und Erzählungen. Dennoch spüre ich noch heute die Herzlichkeit der Menschen. Als blondes Mädchen von weltoffenen Eltern wurden wir sehr oft zum Teetrinken eingeladen, ich wurde ständig getätschelt oder bekam Obst angeboten. Und ich hatte überall andere Kinder als neue Freunde, auch wenn wir uns nicht in der gleichen Sprache verständigen konnten.


Mit dem Islam verbinde ich etwas Vertrautes


Die Einheimischen in Nordafrika immer offen und herzlich

Dass die Frauen eine Kopfbedeckung trugen und der Muezzin fünfmal am Tag zum Gebet rief, hab ich als völlig normal in Erinnerung. Vielmehr berührt es sogar meine Seele, wenn ich jetzt den Muezzin auf Lombok rufen höre. Und es ist mir vertraut, wenn A’an sich vor dem Gebet Gesicht, Hände und Füße wäscht. Die Menschen auf Lombok sind genauso gastfreundlich wie damals die Leute in Marokko und Tunesien. Meine Eltern ließen sich nicht nur treiben, sie waren auch ein bisschen leichtsinnig, würde man heute sagen. Denn was hatten wir mit unserem Käfer in der Sahara verloren. Es war ja kein Jeep, also steckten wir ziemlich bald fest im tiefen Sand. Die Einheimischen setzten dann alles in Bewegung, um uns wieder rauszuziehen. Ich hatte damals zum ersten Mal Fanta getrunken. Der Geschmack erinnert mich noch heute daran, und ich trinke sie immer nur im Sommerurlaub.


In Tunesien hatte ich auch einen älteren „Freund“


Etwas Besonderes war auch, dass wir bei einer Tuarek-Familie im Zelt zu Gast waren, die in der Sahara als Nomadenvolk leben. Die Familie hatte unendlich viele Kinder mit schwarzen Haaren, sodass man mich auf dem Foto sehr gut erkennen kann. In Tunesien waren wir lange in einer Oase in Gabès und dort die einzigen Gäste, sodass am letzten Abend sogar ein Fest gefeiert wurde. Und ich hatte einen älteren „Freund“ mit dem Namen Fati, mit dem ich mich sehr wohl gefühlt habe. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass beim Abschied alle geweint haben.


Abschiedsfeier in Gabès, Tunesien 1976

Kulturoffen im Leben


Diese Reisen, die ich im Alter von drei bis sechs Jahren mit meinen Eltern unternommen habe (wir waren außerdem in der Türkei und im ehemaligen Jugoslawien mit dem Auto), haben mich mehr geprägt, als ich lange Zeit gedacht hatte. Erst als ich immer öfter Freunden von diesen Abenteuern erzählt habe und dann ihre erstaunten Gesichter bemerkte, wurde mir bewusst, dass meine Kindheit ganz besonders war. Ich finde fremde Kulturen unheimlich spannend und bereichernd. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass meine ersten Freundinnen in der Schule aus dem Ausland stammten. Als Kind hatte ich auch nie Heimweh, ich habe mich immer dort wohl gefühlt, wo ich mit liebevollen Menschen zusammensein konnte.


Doch nun noch einmal zurück nach Lombok in die Gegenwart: Wenn wir wieder einmal durch die Straßen von Mataram oder durch die Dörfer mit dem Motorroller fahren, bewundere ich (als Beifahrerin) jedes Mal die schönen Moscheen, und wenn dann auch noch der Muezzin ruft, schaue ich manchmal zum Himmel und bin einfach nur dankbar.


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