Serie: Traumland Deutschland oder Kulturschock? Folge 1
- stephaniekuhlmann
- 22. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Von Stephie

Was denken Indonesier eigentlich über Deutschland?
Als wir als Familie ein halbes Jahr auf Lombok in Indonesien gelebt haben, habe ich dort als freiwillige Deutschlehrerin gearbeitet. Es war mir nicht nur wichtig, die deutsche Sprache zu vermitteln, sondern auch etwas darüber zu erfahren, warum die indonesischen Schülerinnen und Schüler in Deutschland leben und arbeiten möchten. Es sind überwiegend Pflegekräfte, aber auch Kellner, die schon in Indonesien ausgebildet sind.
Vorstellungen von Deutschland
Manche interessieren sich für die moderne Technik in der Medizin, welche glauben, dass ihre Kinder eine gute kostenlose Ausbildung bekommen. Und andere wiederum denken, dass sie in Deutschland viel Geld verdienen können und wollen nur deshalb kommen. Die Schülerinnen und Schüler, die ich bis jetzt an einer privaten Sprachschule in Hamburg unterrichtet habe, kommen natürlich auch aus unterschiedlichen Gründen, aber alle wünschen sich eine gute berufliche Perspektive. Natürlich hat sich auch herumgesprochen, dass das Studium kostenlos ist, dass es Kindergeld und Sozialhilfe gibt und der Krankenhausaufenthalt kostenlos ist. Viele dachten vorher, wir Deutschen wären unfreundlich, in der Realität wäre das aber nicht der Fall, und besonders die jüngere Generation sei sehr aufgeschlossen und freundlich. Sie dachten aber auch, dass man mit Englisch überall gut zurechtkommt. Doch es käme vor, dass der Mitarbeiter der Deutschen Bahn nur Deutsch spricht. Das sei sehr schwierig.

Unsere Serie mit Interviews
In unserer neuen Serie „Traumland Deutschland?“ kommen die Indonesier zu Wort, die ich in ihrem Heimatland kennengelernt habe, und die jetzt in Deutschland leben. Ich habe sie über einen längeren Zeitraum begleitet und Interviews darüber geführt, wie sich ihre Erwartungen an ihr „Traumland“ Deutschland erfüllt haben, und was sie anderen, die erst hierher kommen wollen, raten.
Folge 1 ist über Fany, die ich 2022 auf Lombok unterrichten durfte.

Name: Trifany Adillia (w)
Alter: 23
In Deutschland: seit März 2023
Beruf in Deutschland: Pflege
Fany, warum wolltest du nach Deutschland kommen?
Ich wollte etwas erleben, was ich zuvor nicht gekannt habe, weit weg von meiner Familie und meinen Freunden. Und ich wollte erfahren, wie es sich anfühlt, in Europa zu leben und zu arbeiten.
Welche Erwartungen hattest du an Deutschland?
In Deutschland zu leben, hieß für mich, viele neue Dinge zu lernen, offener zu werden, verantwortlicher, disziplinierter und unabhängiger. Zu Hause auf Lombok war mein Leben einfach, weil meine Eltern alles für mich gemacht und entschieden haben. Ich kannte nur, von Tag zu Tag zu leben, bis ich anfing, dort Deutsch zu lernen. Dann hatte ich schon ein Ziel, nämlich in Deutschland zu leben. Das hat mich auch motiviert, Vokabeln und Grammatik zu wiederholen. Nach Deutschland kam ich dann erst als Au Pair.

Haben sich deine Erwartungen erfüllt?
Leider hatte ich Probleme mit der Familie, aber ich konnte von Düsseldorf nach München in eine neue Familie wechseln. Nach dem ersten Jahr habe ich dann mit einem FSJ in Karlsruhe angefangen. Dort hatte ich so liebe Kollegen, und die Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht. Mir gefällt die Disziplin in Deutschland, und dass es viele Regeln gibt. Wenn man die kennt, kann man wenig falsch machen.
Was für Schwierigkeiten hattest du am Anfang außer die mit deiner Familie, und welche hast du vielleicht auch jetzt noch?
Die größte Schwierigkeit ist die Sprache, weil es formale Wörter und umgangssprachliche gibt. Also wann benutze ich welche Wörter? In der Behörde darf ich keinen Slang sprechen und bei meinen Freunden will ich nicht wie ein Sprachcomputer klingen (lacht). Manchmal sprechen die Leute so schnell, dass ich nicht viel verstehen kann. Und die verschiedenen Dialekte finde ich auch schwer zu verstehen.
Wärst du gerne besser vorbereitet gewesen, bevor du nach Deutschland gekommen bist?
Ja natürlich, vorher kannte ich die deutsche Kultur nur aus dem Deutschkurs, aber das hilft im wirklichen Leben kaum weiter. Ich lerne immer noch ganz viel dazu, wie man sich richtig verhält, welche Feiertage es gibt, welches Essen typisch ist, oder dass alte Menschen hier sehr aktiv sind und am liebsten nicht gefragt werden möchten, ob sie Hilfe brauchen. Das alles ist ganz anders als in Indonesien.
Was hätte dir im Alltag geholfen?
In Indonesien essen wir immer Reis und alles ist sehr scharf. Hier ist es ziemlich schwer, die Gewürze zu finden, die ich brauche. Also hätte ich sie aus meiner Heimat mitbringen sollen. Außerdem kann man hier nicht einfach an der Ecke günstig was kaufen, sodass ich kochen gelernt habe. Als ich vor einigen Monaten nach Indonesien geflogen bin, wusste ich schon, was ich mitbringen möchte, damit ich hier für mich leckeres Essen kochen kann.
Wie kann man sich besser auf Deutschland vorbereiten?
Viele Audios auf Deutsch hören, damit man hier gut zurecht kommt. Man sollte am besten schon vorher kochen können, denn das ist billiger als im Restaurant zu essen oder sich etwas zu bestellen. Und man sollte ein bisschen trainiert sein, denn in Deutschland geht man viel zu Fuß oder fährt mit dem Fahrrad, denn auch Transportmittel sind teuer.
Bist du inzwischen in Deutschland „angekommen“?
Ich würde sagen ja, aber das hat eine Weile gedauert. Am Anfang hatte ich auch jeden Tag Kontakt mit meinen Eltern, die natürlich wissen wollten, wann ich zurück nach Indonesien komme. Nach und nach habe ich den Kontakt reduziert, weil man sich sonst nie richtig integrieren kann. Einmal pro Woche sehen wir uns per Videocall und einmal pro Jahr reise ich in meine Heimat, ansonsten verbringe ich gern Zeit mit meinen Freunden hier. Ich bin auch schon viel in Europa gereist z. B. nach Rom oder Paris. Ich bin viel freier und unabhängiger geworden, kann das machen, was ich selbst möchte und mich weiterentwickeln. Ich liebe mein neues Leben.
Das klingt sehr gut, Fanny, und schön, dass ich dich damals auf Lombok unterrichten konnte.
Ja, das gefällt mir auch.
Vielen Dank für deine offenen Worte und alles Gute für dich!
Sehr gern, danke schön, das wünsche ich dir auch!
Freut euch auf Folge 2 im Januar 2026!



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