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Serie: Traumland Deutschland oder Kulturschock? Folge 2

  • vor 5 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Von Stephie


Als wir als Familie ein halbes Jahr auf Lombok in Indonesien gelebt haben, habe ich dort als Deutschlehrerin viele Indonesier und Indonesierinnen in einer Sprachschule kennengelernt. Es war natürlich wichtig, dass sie die deutsche Sprache lernen, jedoch wussten sie sehr wenig über die deutsche Kultur und Lebensweise und hatten sehr hohe Erwartungen, denn auch die indonesische Lehrerin kennt Deutschland nur aus den Medien.


„Traumland Deutschland oder Kulturschock?“ heißt unsere neue Serie, in der Indonesier zu Wort kommen, die jetzt in Deutschland leben und arbeiten. Ich habe sie über einen längeren Zeitraum begleitet und Interviews darüber geführt, wie sich ihre Erwartungen an ihr „Traumland Deutschland“ erfüllt haben, und was sie anderen, die erst hierher kommen wollen, raten.


Folge 2 ist über Herman, der an einem sehr typisch deutschen Ort lebt und arbeitet.


Name: Herman Adiwijaya

Alter: 26 Jahre

Aus welchem Land? Indonesien

Beruf in Deutschland: stellvertretender Restaurantleiter im Eisenhut Hotel in Rothenburg ob der Tauber


Herman, warum wolltest du nach Deutschland kommen?

Ich bin einer der vielen Indonesier, die davon geträumt haben, in diesem Land zu leben. Mit Deutschland habe ich immer eine starke Wirtschaft, hohe Lebensqualität und Kulturgeschichte verbunden. Ich empfinde es außerdem als ein dynamisches Land, das viele internationale Fachkräfte anzieht.


Welche Erwartungen hattest du an Deutschland?

Ich kam mit der großen Erwartung, mehr Möglichkeiten im Leben zu haben. Weil ich denke, dass Deutschland ein entwickeltes Land ist, das System besser organisiert ist, und es für mich viele Gelegenheiten gibt, meine Ideen in diesem Land zu verwirklichen. Und ich hatte auch oft gehört, dass in Deutschland die "Work-Life-Balance" gewährleistet ist.


Haben sich deine Erwartungen denn erfüllt?

Teilweise ja, teilweise nein. Es ist nicht einfach, in einer neuen Umgebung, mit einer neuen Kultur und einem ganz anderen Lebensstil im Vergleich zu meinem Land zu leben.


Was für Schwierigkeiten hattest du am Anfang und vielleicht auch jetzt noch?

Die größten Schwierigkeiten, die ich habe, sind Schwierigkeiten, andere Menschen aufgrund von Sprachbeschränkungen und komplizierten Verwaltungsangelegenheiten zu verstehen. Alles muss nach Terminvereinbarung erfolgen, und man muss pünktlich erscheinen. Sonst wird einem niemand helfen. Und es wird natürlich schwieriger, wenn man die deutsche Sprache nicht oder nicht gut genug beherrscht.


Was war außerdem schwierig?

Abgesehen von der sehr komplizierten Bürokratie fühlt man sich natürlich auch einsam, fremd und hat Heimweh, weit weg von seiner Familie, und es ist schwierig, sich mit Deutschen anzufreunden, sodass ich mich allem allein stellen muss, sonst kann ich mich nur außerhalb der Arbeitszeit mit anderen Einwanderern treffen. Allerdings gibt es auch viele Deutsche, die, wenn man sie um Hilfe bittet, sehr hilfsbereit sind, anders als das, was ich vorher gehört oder gelesen habe. Der Schlüssel ist immer wieder die Sprache. Und die ist im realen Leben viel schwieriger als im Unterricht. Man sollte nie nur für die Prüfung lernen. In Deutschland selbst fängt man eigentlich erst an, die Sprache zu lernen und im Alltag damit zurechtzukommen oder eben auch nicht.


Warum ist es schwierig, sich mit Deutschen anzufreunden?

Die vielen Deutschen, die ich getroffen habe, mögen keinen Smalltalk, und der durchschnittliche Deutsche ist individualistisch. Sie betrachten dich also nur als Bekannten oder Arbeitskollegen. Und das hat auch mit der Kultur der Freundschaft in anderen Ländern zu tun, wie zum Beispiel in Indonesien, wo deine Kollegen, die oft mit dir zum Mittagsessen gehen, dich als Freunde betrachten. Das ist hier ganz anders. Bis man richtig befreundet ist, dauert es lange.


Welche Herausforderungen gibt es noch?

Viele Leute sagen, dass man in Deutschland leicht Geld verdienen kann. Dem stimme ich zwar zu. Aber auch Lebensunterhalt, Steuern, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Radio, Fernsehen, Internet, Kleidung, Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Nahrungsmittel sind sehr teuer, sodass vom Gehalt am Ende des Monats nicht viel übrig bleibt. Ein vermeintlich hohes Gehalt ist am Ende nur wenig zum Leben. Viele Dinge kann man sich trotzdem nicht leisten wie z. B. eine schöne Wohnung, ein Auto oder tolle Urlaube. Und alles ist sehr kompliziert. Aber man muss das akzeptieren, es lässt sich nicht ändern. Neben Sprache und Bürokratie sind die größten Schwierigkeiten außerdem das Wetter und das Essen.


Doch trotz aller Schwierigkeiten bereust du den Schritt, nach Deutschland gegangen zu sein, nicht?

Nein, abgesehen von sprachlichen und kulturellen Anpassungsproblemen finde ich es verlässlicher, in Deutschland zu leben als beispielsweise in Indonesien. In der ersten Zeit muss man eine Menge Verwaltungs- und Papierkram erledigen, aber solange wir alle Regeln befolgen, wird es von Tag zu Tag erträglicher. Und seit ich in Deutschland bin, habe ich das Gefühl, dass ich mehr Struktur in meinem Leben habe, denn Deutsche sind im Allgemeinen keine spontanen Menschen und denken viel über Planung nach. Ob es dir gefällt oder nicht, du musst dich anpassen und wirst dich daran gewöhnen. Selbst beim Einkaufen muss man planen, denn nachts und sonntags sind die Läden geschlossen. Aber dadurch habe ich gelernt, bewusster Dinge zu erledigen, und da ich meine Einkaufstaschen selbst mitbringen muss, bin ich auch umweltbewusster geworden. Hier ist zwar alles kompliziert, aber dafür werden alle mehr oder weniger gleich behandelt, und das gefällt mir.


Kannst du Beispiele nennen!

Du wirst im Unternehmen, wo du arbeitest, genauso wie andere Arbeitnehmer behandelt, niemand wird fragen, woher du kommst, und welches Geschlecht oder welche Religion du hast. Deine Rechte und Pflichten sind die gleichen, einschließlich des Gehalts. Der einzige Unterschied ist die Position bei der Arbeit.



Was hättest du gern vorher gewusst, bevor du nach Deutschland gekommen bist? Was hätte dir geholfen?

Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich mich im Internet und über Freunde informiert, dass das Bildungssystem in Deutschland kostenlos und fortschrittlich ist. Gleichzeitig muss man aber auch Geld verdienen, damit man sich das Leben während eines Studiums leisten kann. Die Lebenshaltungskosten sind auch für Studenten hoch, weshalb sie neben dem Studium jobben müssen. Dadurch dauert ein Studium natürlich länger. Ich würde gern Weiterbildungen absolvieren. Allerdings ist es aufgrund vieler Anforderungen und schwieriger Tests nicht einfach. Theoretisch ist so vieles möglich, aber praktisch ist es sehr anstrengend. Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine Weiterbildung machen kann. Ich habe vorher viel über Deutschland gewusst und trotzdem ist es in der Realität natürlich ganz anders.


Aber mein Fazit ist, es lohnt sich, sich hier zu bemühen, weil man am Ende mehr Möglichkeiten als in Indonesien hat.


Vielen Dank, Herman, für das Gespräch, und weiterhin viel Erfolg in Deutschland!

Herzlichen Dank!


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