Indonesier sind Meister im Improvisieren, dafür bewundern wir sie

Aktualisiert: 6. Juli 2019


Nur wenige Tage, nachdem wir wieder in Hamburg sind, gehen wir in unser nahegelegenes Einkaufszentrum und schauen uns nach ein paar Schnäppchen im Sommerschlussverkauf um. Ein neuer Badeshorts für Jörg, warum nicht auch für A’an? Dazu noch ein paar T-Shirts, fertig ist der Einkauf. Fotos davon schicke ich per WhatsApp nach Indonesien, A’an ist begeistert. Doch natürlich soll er nicht ein Jahr darauf warten müssen, bis wir wieder auf Lombok sind und es ihm persönlich geben können.


Schon mehrfach habe ich gute Erfahrungen mit der internationalen Briefsendung der Deutschen Post gemacht, warum sollte es also dieses Mal nicht klappen? Wer konnte schließlich mit diesem schrecklichen Erdbeben rechnen, das ganze Dörfer zerstört? Nach fünf Wochen fährt A’an zur Post, um sich nach dem Paket zu erkundigen, doch auch dieses Gebäude wurde zerstört. Ein Postwagen dient stattdessen als Provisorium. Die Öffnungszeiten sind nur eingeschränkt, aber immerhin. Das Paket sei dort noch nicht eingetroffen, berichtet mir A’an, doch wenige Tage später wird er tatsächlich angerufen, dass er es abholen könne. Alle Sachen passen wie angegossen, das sehe ich auf den Fotos, die er in seinem Bungalow gemacht hat und mir gleich schickt.


Es gibt viele Beispiele an Provisorien


Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell die Infrastruktur auf Lombok wieder aufgebaut wird, auch wenn ein Postwagen nur ein Provisorium ist. Manchmal lebt es sich mit einer für den vorübergehenden Zweck eingerichteten Sache gar nicht so schlecht. Sie entstehen, weil sie in einem bestimmten Moment einfach gebraucht werden. So soll ein Mann in Russland aus Gabeln eine Fernsehantenne gebaut haben. In meinem Studentenzimmer in Aachen hatte ich kein Sofa, also habe ich aus Kissen, Rückenlehnen und einem Bettlaken ein provisorisches zusammengestellt. Dummerweise ist mein Besuch dort immer eingesackt, aber es sah ganz gut aus. Als Anna drei Jahre alt war, hatte ich ein rotes Handy. Um mich zu immitieren, nahm sie ihren roten Bauklotz und telefonierte ebenfalls, jedoch nicht mit ihrer Freundin, sondern mit einem imaginären König.


Das Beste aus den Möglichkeiten machen


Wenn es in der Regenzeit durch A’ans Dach tropft und es zu glatt ist, es zu reparieren, stellt er einen Eimer unter die defekte Stelle. Oder er hat wenig Platz in seinem Bungalow für seine Bücher, dann baut er sich ein passendes kleines Regal. Seine Schuhe hängt er an Haken an die Wand. Und das alles ganz ohne IKEA, denn von dem Möbelhaus mit den tausend Ideen kennt er nur den Namen. Ein Mensch, der mit Provisorien lebt, ist nicht einfach bloß besonders erfinderisch. Er ist in der Lage, sich mit Situationen zu arrangieren, die gemeinhin nicht als ideal gelten. Das Beste aus den ihm gebotenen Möglichkeiten zu machen, weil er Handlungsspielräume sieht, wo andere bloß jammern, dass etwas nicht funktioniert.


Zurzeit ist Ramadan in der muslimischen Welt, so auch in Indonesien. Warum unser Freund die Nacht zum Tag macht, erfahrt ihr in unserem nächsten Beitrag

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