Manchmal ist Rückschritt auch ein Fortschritt



Langsam bröckelt der Deutschkurs von A’an. Waren sie ohnehin nur zu dritt, muss nun ein Mitschüler wieder Unterricht an seiner normalen Schule wahrnehmen. Ich äußere Novy gegenüber mein Bedauern, dass der Deutschkurs seltener stattfindet. Sie selbst ist damit auch nicht glücklich. Außerdem sei es in der Regenzeit gefährlich, zu spät am Abend das Haus zu verlassen. Immer wieder gäbe es Gewitter und Stromausfälle. Und da ihre Schüler auch wie Freunde seien, möchte sie sie schützen. Sie verspricht nach einer anderen Lösung zu suchen.

„Stephanie, ich habe ein Angebot“, schreibt mir Novy ein paar Tage später. „Ich habe eine neue Klasse, die Teilnehmer lernen am Nachmittag, dreimal pro Woche. Ich finde, es ist super für A’an, in dieser Klasse mit den anderen zu lernen.“ Das hört sich prima an, finde ich, zumal ich auch für A’an gehofft hatte, dass er über das Deutschlernen neue Freunde findet, mit denen er seine Zukunftspläne teilen kann. Mit A’an wären es insgesamt sechs junge Männer. Einer wohnt in Tanjung, in der Nähe von A’ans Dorf, einer kommt aus der alten Klasse, einer hat auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, einer möchte in Deutschland studieren und einer hat Verwandte in Österreich. Nicht alle kommen von Lombok, sondern auch aus Jakarta und Kalimantan. Es scheint sich herumzusprechen, dass Novy eine gute Lehrerin ist.


Wieder von vorn und doch ganz neu

A‘an fängt wieder von vorn an, obwohl er schon über die Hälfte des Kurses hinter sich hatte. Zusatzkosten entstehen nicht. Schriftlich sei A‘an ganz gut, aber mündlich noch nicht, deshalb wäre eine Wiederholung bestimmt das Richtige für ihn, meint seine Lehrerin. Auch wir versuchen, in dem Angebot die positiven Seiten zu sehen. A'an ist nicht mehr so allein, kann das Gelernte verfestigen und muss nicht mehr am späten Abend zum Unterricht fahren. Manchmal ist Rückschritt auch ein Fortschritt. Außerdem hat er noch Zeit bis zur Beantragung des Visums, wo er das A1-Zertifikat braucht.

Erfolgserlebnisse in der neuen Klasse

Wir hoffen, dass A’an selbst das auch so sieht, denn immerhin verschiebt sich das Kursende dadurch um mindestens weitere zwei Monate. Die Prüfung am Goethe Institut wird er also erst entsprechend später machen können. Eine knappe Woche warten wir, bis A’an wieder Unterricht hat, sodass Novy ihn endlich einweihen kann. Gleich nach der Stunde schreibt sie mir: „Er freut sich und hat sich bedankt.“ Ein kleiner Stein fällt mir vom Herzen. Später zählt mir A’an genau die gleichen Vorteile auf, die auch wir in dem Angebot sehen.


Eine weitere Woche vergeht, bis A’an seine erste Stunde in der Klasse hat, denn Novy ist zwischendurch noch als Jury-Mitglied bei einem Deutschwettbewerb unterwegs. Nach seiner ersten Stunde schreibt sie mir: „A'an hat es super gefallen, natürlich konnte er alles richtig machen. So hat er Erfolgserlebnisse und das motiviert. Es gefiel mir auch, dass er sich auf Deutsch vorgestellt hat.“ Sie schickt noch Fotos, auf denen die Teilnehmer inklusive A’an sehr konzentriert arbeiten. An diesem Abend schreibe ich natürlich auch ihm selbst. Er sei sehr glücklich, denn er findet die anderen nett und fühlt sich auch wohl, alles noch einmal zu wiederholen und zu festigen. Dass er wirklich Fortschritte macht, merke ich allein daran, dass er in dem Chat fast ausschließlich auf Deutsch schreibt.

Wie bekommt man eigentlich Sorgen und Zukunftsängste in den Griff? Mehr dazu im nächsten Beitrag …

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