Alles was wir haben ist JETZT



Von A‘an


Rund zwei Wochen nachdem ich das Besucher-Visum beantragt habe, rufe ich im deutschen Konsulat auf Bali an. Nur ich als Antragsteller bekomme eine Auskunft. Wir sitzen draußen auf der Terrasse von unserem Haus auf Lombok, wo wir gerade noch gefrühstückt hatten. Schon nach dem zweiten Klingeln meldet sich eine Angestellte. Sie will wissen, wann ich das Visum beantragt habe, dann bittet sie um einen Moment Geduld, ich bin total aufgeregt. Als sie wieder am Hörer ist, sagt sie, ja, der Reisepass ist fertig und ich kann ihn abholen. Ich freue mich so sehr, dass ich Jörg, Anna und meine Mom Stephie erstmal umarme. Wow, wir haben es tatsächlich geschafft, unfassbar.


Allerdings bleibt den ganzen Tag über dieses mulmige Gefühl wegen des Corona-Virus. Was, wenn wir in Hamburg gar nichts unternehmen können? Was wenn ich selbst dort krank werde? Als wir am nächsten Tag auf Bali ankommen, sieht alles noch so aus wie vor zwei Wochen: In Sanur sind weiterhin viele Touristen, hauptsächlich ältere Leute aus Australien. Mit einem Pärchen teilen wir uns das Taxi vom Flughafen aus nach Sanur. Wir staunen alle vier, als wir feststellen, dass ihr Hotel unserem genau gegenüberliegt. Eigentlich ein gutes Zeichen, aber die negativen Nachrichten in Bezug auf das Reisen nehmen immer mehr zu. Zuerst haben wir Corona belächelt und geglaubt, die tropische Hitze würde dem Virus ganz viel entgegensetzen, doch inzwischen sind wir total verunsichert.


Warten auf eine Entscheidung


Morgen wird sich hoffentlich alles klären, wenn wir im deutschen Konsulat sind. Für den heutigen Tag gucken wir nur noch nach einer Nagelschere, denn Mom hatte ihre aus Versehen im Handgepäck und musste sie deshalb am Flughafen abgeben. Und dann gehen wir noch was essen. In der Nacht fällt dann auch noch die Klimaanlage aus, sodass ich vor lauter Hitze nicht schlafen kann. Deshalb klicke ich mich durch mein Handy, wodurch ich leider noch unruhiger werde. Es sieht so aus, als wenn ich nicht nach Europa reisen kann, weil sie die Grenzen sperren wollen. Ich wälze mich hin und her, bis es endlich Morgen wird.


Beim Frühstück sieht mich Mom aus traurigen Augen an. „Ich habe es auch gelesen“, sagt sie, während mir das Nasi Goreng heute überhaupt nicht schmecken will. Mom bekommt glasige Augen und wischt sich die Tränen schnell trocken. „Das kann echt nicht wahr sein“, sagt sie mit leiser zittriger Stimme. „Komm, lass uns erstmal abwarten, was die Frau im Konsulat sagt.“ Ich versuche, ruhig zu bleiben, doch es kommt mir vor, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.


Die Freude währt nicht lange


Vor dem Konsulat sitzen ein Dutzend Touristen, meistens deutsche. Wir tragen uns in eine Liste ein und warten. So viel geht mir durch den Kopf: Die Gesundheit ist am wichtigsten, ich bin noch jung und kann auch später noch nach Deutschland reisen, in wenigen Tagen muss ich mich schon wieder von meiner Mom, Anna und Jörg verabschieden, und wir wollten mehrere Monate zusammen glücklich sein … Dann werden wir aufgerufen. Anders als bei der Antragstellung, wo ca. sechs Leute mit uns in dem Raum waren, sind wir jetzt die einzigen. Ich sage meinen Namen, und dass ich meinen Reisepass abholen möchte. Einen Moment später halte ich ihn in Händen, ich habe tatsächlich das Visum für 69 Tage bekommen, wow, denke ich. Doch die Freude währt nicht lange. Alle drei Damen bestätigen uns, dass ich wegen Corona trotzdem nicht nach Deutschland reisen darf, denn das Einreiseverbot ist verbindlicher als das Visum. Mom möchte wissen, wofür das Visum denn jetzt gut sei. Wenn das Einreiseverbot vorbei sei, könne ich ja vielleicht immer noch nach Deutschland. „Und wenn das Verbot verlängert wird? Müssen wir dann nochmal alle Papiere einreichen?“, möchte Mom wissen. „Ja genau, dann muss er alle Papiere nochmal aktuell einreichen“, antwortet die Angestellte.


Niedergeschlagen gehen wir zurück zum Hotel und ruhen uns aus. Ich habe das Bedürfnis, allein zu sein, um das alles erstmal sacken zu lassen. Mom setzt sich nach draußen und fängt an, die Flüge zu stornieren. Später gehen wir noch an den Strand, doch es ist dermaßen heiß, dass wir beide eigentlich nur noch den Abflug von Bali nach Lombok herbeisehnen. Immerhin hatten wir schöne drei Wochen gemeinsam auf Bali, Gili Air und Lombok. „Wir müssen jetzt stark und gesund bleiben, alles, was wir haben, ist JETZT“, denke ich bei mir …


P.S. Am heutigen Tag läuft mein Visum übrigens ungenutzt ab, doch ich hoffe, dass ich nächstes Jahr eine zweite Chance bekomme!



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