Wie ein neues Leben in Hamburg nach der Auszeit auf Lombok


Von Stephie


Wir haben ein halbes Jahr auf Lombok gelebt: Unsere 14-jährige Tochter Anna hat eine internationale Schule besucht, ich habe als Gastlehrerin für Deutsch als Fremdsprache gearbeitet und Jörg hat ein klassisches Sabbatical absolviert. So gut es ging haben wir uns in die indonesische Kultur integriert, was auch heißt, dass wir oft von Tag zu Tag geplant haben, selbst Urlaube in den Schulferien haben wir meist nur eine Woche im Voraus organisiert. Klar, dass man den Fokus dann viel mehr in die Gegenwart legt.


Ich erlebe viel Freundlichkeit

Jetzt leben wir seit über einem Monat wieder in Deutschland und merken, wie wir uns selbst verändert haben. Ich bin viel freundlicher zu meinen Mitmenschen und erlebe auch von ihnen viel Freundlichkeit. Als ich von A’an zum Beispiel ein Foto machen wollte, hat mich eine ältere Dame mit Gehwagen gefragt, ob sie nicht ein Foto von uns beiden machen solle. Das fand ich so rührend.


Wir essen noch immer sehr viel Indonesisch, denn A’an kocht wirklich gut. Ob Satay, Rendang oder Gado Gado, es ist alles so lecker. Und es profitiert noch ein älterer Herr davon: Der chinesische Vater meiner Freundin, der in Jakarta groß geworden ist, lebt allein und bekommt Essen geliefert, was ihm aber nicht schmeckt. Deshalb bringt ihm A’an jetzt mehrmals pro Woche eine Portion indonesisches Essen, und er ist glücklich. Also kaufen wir auch regelmäßig im asiatischen oder speziellem indonesischen Supermarkt (Toko Indonesia) ein.


Jörg: „In meinem Job als Planungsingenieur bin ich jetzt viel gelassener und freue mich über neue Aufträge von unseren Kunden.

Alles mit Termin

A’an hat auch schon indonesische Freunde, mit denen wir uns treffen. Mal ganz spontan eine Stunde später und mal mit etwas Vorlauf. Aber das sind halt Indonesier. Mit den deutschen Freunden machen wir die Termine etwas länger im Voraus. A’an kennt das so gar nicht und findet es auch anstrengend. Denn auf Lombok kann er einfach rausgehen und trifft seine Freunde ganz spontan. Das ist ein großer Unterschied und auch für uns gewöhnungsbedürftig nach der langen Zeit.


Für alles braucht man einen Termin: Arzt, Friseur, Reparatur vom Auto, während man auf Lombok einfach dort hinfährt, was man gerade braucht, ganz ohne Termin. Es gibt eben viel mehr Personal und Service dort. Komisch ist auch, wenn man hier in einem Geschäft quasi selbst kassiert, und auch immer eine Bezahlkarte braucht, während man auf Lombok eine nette Bedienung bekommt und fast immer bar bezahlt.



Stephie: „Ich erlebe meine Heimatstadt Hamburg von einer ganz neuen Seite, freue mich über die Vielfalt und die Freundlichkeit der Menschen.

Der Straßenverkehr ist komplett anders

Mit dem Auto hier zu fahren, war selbst für mich sehr ungewohnt. Und damit meine ich nicht den Rechtsverkehr. Es gibt viele Ampeln, man kann sich nicht in den fahrenden Verkehr einordnen, hupen ist verpöhnt und so weiter. Trotzdem hat sich A’an nach nur drei Wochen ans Steuer gewagt. Erst saß ich immer neben ihm, und jetzt fährt er kurze Strecken auch allein. Er würde so gern hupen, meinte er neulich, also dieses indonesiche Hupen, was den anderen nur warnt und nicht aggressiv ist so wie hier. Neulich wollte er mit Anna und ihrer Freundin ins Kino, doch es regnete sehr stark. Dann habe ich ihn aufgefordert, doch mit dem Auto zu fahren und sich ins Parkhaus zu stellen. Das war für A'an das erste Mal, und die Drei haben es an und für sich gut hinbekommen, alles andere sind Lernsituationen.


A’an: „Ich finde Hamburg sehr interessant, die Mülltrennung gefällt mir zum Beispiel gut, so etwas sollten wir auch auf Lombok machen, damit wir besser für unsere Umwelt sorgen. Und die Luft ist hier meistens sehr frisch, weil ja auch keiner den Müll bei sich verbrennt.

Fokus auf das Wesentliche

In Deutschland ist man sehr viel mit Verwaltungsdingen beschäftigt, was wir auf Lombok nicht vermisst haben. Alles muss man selbst erledigen und auch Anna muss sich in der Schule allein um das kümmern, was sie in dem halben Jahr nicht erledigen konnte z. B. die Bücher vom letzten Schuljahr abgeben außerhalb des Regelprozesses.


Anna: „Seitdem ich in Indonesien zur Schule gegangen bin und es mir dort so viel Spaß gemacht hat, gehe ich auch hier wieder gern zur Schule und lerne sehr produktiv.

Trotzdem versuchen wir uns, auf das Wesentliche zu konzentrieren, was uns auch viel besser als vorher gelingt, und wir wundern uns über die Sorgen und Probleme der anderen, die wir selbst gar nicht so einstufen würden. Ich denke oft, Mensch, warte es doch erstmal ab, dann kann man immer noch sehen. Neulich hörte ich, wie zwei ältere Damen im Supermarkt zum Kassierer meinten, „nein, sie hätten nichts zu feiern, denn es sei ja alles so traurig“. Der Kassierer wollte einfach freundlich sein, da im Einkauf auch zwei Sektflaschen waren. Ich selbst musste nur innerlich schmunzeln. Es tut auf jeden Fall gut, sich nicht bei jeder „negativen“ Nachricht ins Bockshorn jagen zu lassen, sondern ganz gelassen zu reagieren.


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