Ein Leben ohne Gäste auf Lombok – Wie lange noch?

Von A‘an

Als ich bis Februar noch auf Gili Trawangan im Touristen-Büro gearbeitet habe, war mein Alltag irgendwie geregelt. Klar, dass es immer auch Probleme gab, aber die kannten wir. Wenn einer mal kein Handy-Data mehr hat, dann leiht er sich das vom Freund. Einer hilft dem anderen. Doch seitdem keine internationalen Touristen mehr kommen können, ist die Insel wie ausgestorben, das ist echt unheimlich. Wir haben uns in unseren Dörfern neu eingerichtet, leben ein traditionelles Leben.

Irgendwie passten da auch meine langen Haare nicht mehr. Ganz cool auf Gili, aber im Dorf? Unter dem Motto „new normal“ habe ich sie eines Tages abschneiden lassen. Besonders mein Onkel hat sich gefreut, da ich nun endlich wieder ordentlich aussehe. Doch manchmal fehlen sie mir, die langen Haare, besonders wenn der Wind kalt weht.



Auf dem Motorroller fühlen wir uns wieder frei


Mehr noch als vorher leben wir mit der Natur, gehen am Abend oder nachts zum Speerfischen oder tagsüber in den Wald, um essbare Knollen, die wie Kartoffeln schmecken, zu suchen. Von der Regierung kommt wenig Unterstützung, aber immerhin bekommen wir manchmal Essensspenden. Indonesien hat riesige Probleme inzwischen. Da kann man nur hoffen, dass es nicht noch schlimmer wird. Auch wenn es manchmal schwerfällt in der Not, aber wir versuchen auch weiterhin respektvoll miteinander umzugehen.


Mehrere Monate lang habe ich einen alten Scooter von einem Freund aufmöbeln lassen, er ist wirklich gut geworden. Und das Schöne: Wir sind eine ganze Gruppe von Jungs mit alten Scootern. Wenn uns die Decke zu sehr auf den Kopf fällt, machen wir Touren in der Gegend, die Straßen sind bei uns im Norden von Lombok fast immer sehr leer.



Erdbebenwarnungen und Brände machen uns Angst


Inzwischen hat auch keiner mehr Corona, aber die Inlandstouristen bringen uns leider gar nichts. Da kommt keiner bis zu den Gilis, wo wir sonst arbeiten. Deshalb arbeite ich inzwischen als Parkplatzwärter in dem nächstgrößeren Ort Tanjung.


Natürlich versuchen wir auch, die Kinder im Dorf zu belustigen. Wir basteln zum Beispiel Drachen und lassen sie steigen, oder ich fahre mit meinem Bruder und ein paar Freunden von ihm an den Strand. Für etwas Abwechslung schaue ich mir auch manchmal sportliche Wettbewerbe an. Meine Mom kannte das gar nicht, als sie das Video sah, was ich ihr nach Deutschland geschickt habe. Aber sie kannte auch die Kreisel aus Holz. Anscheinend spielen in Deutschland nur Kinder damit. Bei uns ist das anders, ähnlich wie beim Fußball feuern wir die Männer an, die versuchen die Kreisel des anderen zum Kippen zu bringen. Allein das Zuschauen bringt schon Spaß. Aber letztens waren wir alle geschockt, da es eine Erdbebenwarnung gab. Wir sind von damals immer noch ein bisschen traumatisiert und hatten echt Angst. Zum Glück ist alles ruhig geblieben, aber stattdessen hat es im nächsten Dorf gebrannt. Ein religiöses Versammlungsgebäude ist zu Schaden gekommen, wahrscheinlich war der Blitz dort eingeschlagen.


Ich warte noch immer auf mein Paket aus Deutschland


Ja, natürlich bin ich traurig, dass meine Mom, Jörg und Anna dieses Jahr nicht noch einmal kommen konnten. Manchmal muss ich sogar weinen, wenn ich einfach nur meine Familie in den Arm nehmen möchte, weil ich sie so sehr vermisse, das aber nicht möglich ist. Sie hatten mir zum Geburtstag im Juni ein Paket mit kleinen Geschenken geschickt, das ist bis heute nicht angekommen. Das bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, wieviel Mühe sie sich für mich gegeben haben. Um mich zu trösten schicken sie mir nun jeden Monat eine Überraschung, zum Beispiel ein selbst geschnittenes Video oder von Anna eine schöne Zeichnung, also das Foto davon. Da freue ich mich immer sehr und will am besten vorher schon wissen, was es dieses Mal sein wird.


Trotz allem positiv bleiben


Trotz der ganzen schwierigen Lage, die wir ja alle so bisher noch nie erlebt haben, gibt es Dinge, die mir Kraft und Trost spenden. Das ist auf jeden Fall das Freitagsgebet, wenn wir zusammen in die Moschee gehen. Da fühle ich mich aufgehoben und sicher, es hilft mir stark zu bleiben. Manchmal helfe ich auch dabei, unsere neue Moschee weiterzubauen, was wir allerdings schon seit Jahren tun, aber es braucht eben seine Zeit. Viel Freude bereitet es mir auch, mit meiner Mom weiter Deutsch zu lernen, damit ich mein Sprachniveau halte. Sie schickt mir Aufgaben und ich lerne dadurch über die vier Jahreszeiten, die wir ja hier nicht haben oder sie schickt mir Sprachnachrichten mit der korrekten Aussprache. Dann werde ich wieder ganz lebendig und glaube weiter an meinen Traum, endlich Hamburg zu besuchen und dort weiter Deutsch zu lernen.


Ich möchte trotz allem positiv in die Zukunft blicken, ich möchte meinen Führerschein machen, damit ich die Gäste nicht nur im Büro beraten kann, sondern sie auch zu den schönen Plätzen auf Lombok mit dem Auto bringen kann. Wir möchten so gern wieder unsere ganze Service-Qualität beweisen, unseren Gästen alle Wünsche erfüllen, damit sie sich so wohl fühlen wie bisher. Deshalb möchte ich alle nach Bali, Lombok und Gili einladen: Kommt im nächsten Jahr wieder und verbringt euren Sommerurlaub bei uns. Wir werden unser Bestes geben!


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