Das Glück kann man nicht zwingen, aber man kann es wenigstens einladen


Ich gucke nicht gern zu, sondern nehme die Sachen lieber selbst in die Hand. Zum einen kann ich dann mitgestalten, und zum anderen bringt es mir einfach Spaß. Deshalb würde ich A’an am liebsten selbst in Deutsch unterrichten. Immerhin hab ich Germanistik studiert und sogar zwei Semester auf Lehramt. Vor einer großen Klasse zu unterrichten, konnte ich mir damals nicht vorstellen, aber mit einzelnen Schülern zu üben, liegt mir auf jeden Fall. Als Oberstufenschülerin habe ich nämlich Nachhilfe gegeben, und meine Schüler haben dadurch ihre Noten verbessert.


A’an hat regulären Deutschunterricht auf Lombok, und trotzdem frage ich ihn, was er gerade lernt und schaue mir auch immer wieder seine Hausaufgaben an. Wie das geht? Er schickt mir Fotos per WhatsApp. Und wenn er etwas noch nicht verstanden hat, klärt er das mit seiner Lehrerin Novy Suryani. Trotzdem ertappe ich mich dabei, dass ich ihm eine Übersicht baue, wenn es um Fragewörter geht oder darum, wie man jemanden im Brief anredet. Oft höre ich dann später von der Lehrerin, A’an hätte so etwas von ihr auch schon bekommen.


Zweite Deutschlehrerin aus weiter Ferne

Ich kann nur eingeschränkt helfen


Im Grunde macht es mich auch manchmal wahnsinnig, nicht zu wissen, was er an Lernmaterial hat und was nicht, denn ich möchte herausfinden, warum er bestimmte Fehler macht. Doch aus 17.000 Kilometern Entfernung kann ich halt auch nur eingeschränkt helfen. Wie gern würde ich mit ihm Vokabeln lernen oder einfach so mit ihm zusammensitzen und das Sprechen üben. Stattdessen behelfen wir uns mit Sprachnachrichten und gelegentlichen Video-Calls. Was ich allerdings erst spät begreife: Nicht nur die Entfernung ist hinderlich, sondern auch die Zeitdifferenz von sieben bzw. sechs Stunden. Immer dann, wenn wir beide Zeit haben, ist es bei A’an schon spät am Abend und er so müde, dass er viele Fehler macht.


Bis mich die Ungeduld wieder im Griff hat


Immer wenn ich mich wieder mehr zurückziehe und das Lehren A’ans indonesischer Lehrerin überlasse, scheint A’an das zu spüren und beteuert, dass er meine mentale Unterstützung brauche. Die bekommt er natürlich nach wie vor, doch das Lehren aus der Ferne hat wirklich seine Schwächen und Tücken. Dass ich mich zurückziehe, gelingt mir tatsächlich nur für wenige Tage, dann muss ich wieder wissen, was er gerade lernt, und wann es endlich da und da mit losgeht. Dann hat mich meine Ungeduld wieder voll im Griff. So auch an jenem Tag, an dem ich Novy sage, A’an würde gern zum Ende des Monats die Prüfung ablegen. Dann hoffe ich natürlich, dass Novy es mir schon sagen würde, wenn A’an noch nicht so weit wäre. Andererseits sind Indonesier bekanntlich sehr höflich und widersprechen nicht so gern den Wünschen anderer. Also sorge ich einfach dafür, dass A’an bis zur Prüfung noch Einzeltrainingsstunden erhält. Man kann das Glück zwar nicht zwingen, aber wenigstens einladen.


Am Goethe Institut in Surabaya gibt es nicht genügend Plätze für die Menge an Bewerbern, die alle die Prüfung für A1 ablegen wollen. Doch A'ans Deutschlehrerin tut ihr Bestes. Mehr dazu im nächsten Beitrag …

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